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Frank Simmeth | 22.03.2020

Gerade in schwierigen Zeiten ist Zusammenhalt vielleicht unser wichtigstes Gut. Ich habe deshalb entschieden, mich nicht “einzuigeln” oder in Schockstarre zu verfallen, sondern die Zeit sinnvoll zu nutzen. In diesem Zuge habe ich beschlossen, meine Arbeitskraft dem lokalen Ortsverein der Tafel zur Verfügung zu stellen. Gerne teile ich hier meine ersten Erfahrungen…

Aller Anfang?
Nach meinem Angebot der Unterstützung kam direkt am Folgetag der Anruf. Ein Fahrer sei krank geworden und man würde sehr gerne auf mein Angebot zurückgreifen. Als 50-jähriger gehöre ich hier zu den Jungspunden. Ich lerne, dass es hier eine Rollenverteilung gibt. Die “Kümmerer” sind Freiwillige, die einen Ausgabetag bei der Tafel organisieren. “Helfer” unterstützen dabei. “Abholer” werden die Bedürftigen genannt und “Einholer” die, die Ware bei den Geschäften abholen. Ich bin als “Einholer” eingeteilt und darf im Lieferauto mitfahren, um die unterstützenden Betriebe “abzuklopfen”.  7:30 Uhr früh, wie fängt man einen Tag bei der Tafel an? Ich mache einen Abstecher beim Discounter und kaufe 40 Tafeln Schokolade praktisch als “Begrüßungsgeschenk”. Mein Kollege begrüßt mich herzlich mit einem “Danke, dass du da bist” und sagt dann: “Schokolade? Ja, gut, stell das einfach irgendwo ab, wir müssen los….”. Was habe ich mir auch erwartet? Dass jemand Beifall klatscht für meine “großzügige” Spende? Willkommen in der Welt von Menschen, die einfach andere Probleme haben…

Unterwegs…
Mein Kollege heute ist eine sympathische Führungskraft aus einem großen IT-Unternehmen, der das schon seit 6 Jahren macht. Einmal im Monat klappe das immer, sagt er. Er erklärt mir, dass die Idee der Tafel sei, aus unserem Überfluss zu schöpfen. Natürlich gäbe es vielleicht auch Leute, die das ausnutzen. Es gibt aber einfach viele, die gar keine Wahl zu der Tafel hätten und für die mache er das.

Bei unserer ersten Station einer großen Bäckerei sehe ich, was er mit “Überfluss” gemeint hat. Wir stehen vor unzähligen Kisten mit Restware, die aus den einzelnen Filialen diese Woche zurückgekommen sind. Wir ziehen uns Handschuhe an und wählen aus, was an Back- und Süßwaren noch so weich ist, dass wir es mitnehmen. Der Inhaber der Bäckerei kommt bei uns vorbei, grüßt uns und sagt, dass er hoffe, dass wir das auch in der Krise weiter machen können und er nicht zumachen müsse. In diesem Augenblick habe ich entschieden, wo ich zukünftig meine paar Semmeln und Brezen kaufen werde…

Im Anschluss klopfen wir ein paar Discounter und Supermärkte ab. Hier haben uns die Mitarbeiter Obst und Gemüse zusammengestellt, die nicht mehr für den Verkauf geeignet sind. Mein Kollege erklärt mir, dass zB. bei 3-er Paprika ja meist nur eine Paprika schlecht sei, während die anderen doch noch super zu essen seien. Man müsse sie halt nur aus der Packung holen. So stehe ich dann da mit Handschuhen und durchwühle das Gemüse auf der Suche danach, was noch verwendbar ist. Bei ein paar Bund Radieschen stocke ich, weil das grün doch schon ganz schön verwelkt ist und auch die Schale schon doppelt so dick ist wie eigentlich gedacht. “Die tu ich aber weg?”, frag ich, worauf mein Kollege nur groß schaut und sagt, dass man die doch noch gut essen könne. So erklärt hier ein IT-ler einem Koch, was man noch essen kann. Ich bin beschämt…

Zurück!
Als wir zur Basis zurückkommen, sind die “Kümmerin” und zwei “Helfer” bereits vor Ort und bauen für die Ausgabe auf, die aber erst am Nachmittag beginnen soll. Ich werde als “der Neue” unaufgeregt aber liebevoll mit einem “Schön, dass du da bist” und einem “Vergeltsgott” begrüßt. Dann ist aber jeder wieder bei seinen Aufgaben. Jeder der da ist, ist bereits deutlich im Alter der momentanen Risikogruppe und so wird sehr genau darauf geachtet, dass wir uns alle nicht zu nahe kommen. Weit über 100 Menschen würden gerade hier versorgt, hauptsächlich Rentner und auch Flüchtlinge.

An der Türe erscheinen ständig Nachbarn, Besucher und Gastronomen die einfach etwas abgeben und beisteuern. Die meisten fragen nach, ob die Tafel denn in dieser schwierigen Zeit überhaupt noch genug von den Geschäften bekommen würden, ob es denn reiche oder ob noch etwas notwendig sei. Ich bin sprachlos. Genau wie bei mir bedanken sich alle liebevoll aber unaufgeregt mit einem “Vergeltsgott”. Ich habe es verstanden! Hier ist Helfen einfach etwas völlig Normales.

Und damit endet mein erster Tag auch schon wieder. Die Ausgabe übernehmen die anderen, aber das erst später. Es ist kurz nach 12:00 Uhr, ich verabschiede mich von meinen Kollegen und schon bin ich wieder draußen. Mein Fazit? Ich habe heute viel gelernt…

Frank Simmeth

Frank Simmeth

Frank Simmeth ist zertifizierter INLPTA Trainer, ECA Lehr-Coach, Buchautor und Kolumnist. Seit 2003 ist er erfolgreich als selbständiger Trainer für Gastronomie und Hotellerie tätig und begeistert in seinen lebendigen und abwechslungsreichen Seminaren Mitarbeiter wie Führungskräfte gleichermaßen.

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