Simmeth Blog

Vielleicht haben wir nicht nur ein PISA-Problem

Iris Nutz | 10.09.2026

Vielleicht haben wir auch ein Problem damit, welchen Stellenwert Lernen in unserer Gesellschaft hat.

Diese Woche wurden die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 veröffentlicht. Und wie schon in den vergangenen Jahren sind die Zahlen ernüchternd.

Deutschlands 15-Jährige erreichen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte, die für Deutschland seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000 gemessen wurden. 66 Prozent erreichen in Mathematik mindestens das grundlegende Kompetenzniveau, beim Lesen sind es 68 Prozent und in den Naturwissenschaften 73 Prozent.

Gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen: Im internationalen Vergleich liegen die deutschen Ergebnisse damit weiterhin ungefähr auf dem OECD-Durchschnitt. In Mathematik erreichen beispielsweise 65 Prozent der Jugendlichen im OECD-Durchschnitt mindestens das grundlegende Kompetenzniveau, beim Lesen sind es 69 Prozent und in den Naturwissenschaften 74 Prozent.

Die Entwicklung ist also besorgniserregend – aber komplexer, als es die schnelle Schlagzeile vom deutschen Bildungsabstieg vermuten lässt. Das muss uns beschäftigen.

Aber mich stört etwas an der Diskussion, die darauf fast reflexartig folgt.

Sehr schnell reden wir darüber, was unsere Jugendlichen alles nicht mehr können. Sie lesen zu wenig. Sie rechnen schlechter. Sie lassen sich vom Smartphone ablenken. Sie seien weniger konzentriert, weniger leistungsbereit, weniger motiviert.

Vielleicht sollten wir die Frage einmal umdrehen:

Wie attraktiv machen wir als Gesellschaft Bildung eigentlich?

Ich erinnere mich noch gut daran, als meine eigenen Kinder an den PISA-Tests teilnahmen. Die Begeisterung hielt sich, vorsichtig formuliert, in Grenzen. Natürlich erklärt das keine schlechten Ergebnisse. Und es soll sie schon gar nicht entschuldigen.

Aber es hat mich damals schon beschäftigt, wie wir jungen Menschen Lernen, Leistung und Bildung „verkaufen“.

Denn Motivation entsteht nicht automatisch dadurch, dass Erwachsene erklären, etwas sei wichtig. Die Motivationsforschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten genau mit dieser Frage. Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan etwa unterscheidet verschiedene Qualitäten von Motivation. Besonders förderlich für selbstbestimmtes Lernen sind demnach Bedingungen, in denen Menschen Autonomie erleben, sich als kompetent wahrnehmen und soziale Verbundenheit erfahren.

Anders gesagt: Menschen lernen nicht allein deshalb nachhaltig, weil ihnen jemand sagt, dass sie lernen sollen. Lernumgebungen können Motivation fördern – oder sie erschweren.

Und vielleicht beginnt genau hier ein Teil unseres Problems.

Lernen passt schlecht in eine Welt der Sofortigkeit

Wir leben in einer Welt, in der fast alles schnell verfügbar sein soll. Informationen sowieso. Ein paar Sekunden Video hier, eine Antwort der KI dort, kurz googeln, weiterscrollen.

Bildung dagegen ist unbequem altmodisch, denn Bildung benötigt Zeit, eine gewisse Portion Neugier, ist anstrengend und lebt von Wiederholungen.

Und seien wir mal ehrlich: Bildung benötigt auch die Bereitschaft, etwas zu lernen, dessen Nutzen ich heute – mit vielleicht 15 Jahren – noch gar nicht erkennen kann.

Ich kann mich selbst an meine Zeit als Schülerin und den für mich damals quälenden Lateinunterricht erinnern. Ich hatte mit meinen „paar Jahren auf dem Buckel“ ehrlich gesagt kein Interesse an Feldzügen oder Schlachten und verstand schon gar nicht, warum ich eine „tote Sprache“ lernen sollte.

Heute – Jahre später – benutze ich Latein in einer ganz anderen Dimension. Es hilft mir, Dinge herzuleiten, andere Sprachen zu erlernen oder Fachbegriffe in ihrer Gesamtheit zu verstehen.

Doch diese Erkenntnis kam relativ spät. Wie sagten meine Lehrer so oft: „Sie braucht eben ihre Zeit.“

Lebenslanges Lernen – aber bitte für die anderen?

Das Erstaunliche ist: Wir verlangen diese Haltung vor allem von unseren Kindern.

Auf jeder Abschlussfeier, die ich durch meine Kinder besucht habe, stellen wir „Alten“ uns auf die Bühne, halten Reden vom lebenslangen Lernen und fordern genau das von unseren Absolventen – die gerade froh sind, einmal nicht mehr lernen zu müssen.

Aber leben wir Erwachsenen es eigentlich selbst vor?

Wie selbstverständlich lernen wir mit 35, 45 oder 55 Jahren noch weiter?

Wie neugierig sind wir auf Dinge, die unser bisheriges Wissen infrage stellen?

Wie reagieren wir, wenn unser Arbeitgeber uns eine Weiterbildung anbietet? Mit Freude über die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln? Oder eher mit der Frage: „Muss ich da wirklich hin?“

Ein Blick auf die Erwachsenenbildung zeigt zumindest, dass kontinuierliche Weiterbildung keineswegs selbstverständlich ist. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts nahmen 2024 lediglich 5,8 Prozent der 25- bis 64-jährigen Erwerbstätigen innerhalb der vier Wochen vor der Befragung an Kursen oder Lehrgängen der beruflichen Weiterbildung teil.

Diese Zahl darf nicht mit dem Anteil aller Menschen gleichgesetzt werden, die sich innerhalb eines ganzen Jahres weiterbilden. Sie zeigt aber dennoch, wie weit die Idee des kontinuierlichen Lernens von einer alltäglichen Selbstverständlichkeit entfernt sein kann.

Auch die OECD weist darauf hin, dass lebenslanges Lernen angesichts technologischer Veränderungen, sich wandelnder Kompetenzanforderungen und demografischer Entwicklungen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Gleichzeitig stagniert oder sinkt die Beteiligung an Erwachsenenbildung in vielen OECD-Ländern.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Bildung fast ausschließlich als Aufgabe von Schulen, Lehrern und jungen Menschen zu betrachten. Stattdessen sollten wir uns auch selbst fragen, wann genau wir unsere letzte Weiterbildung absolviert haben – und ob wir neugierig genug auf die Zukunft sind.

Lernen ist keine Lebensphase. Lernen ist eine Einstellungssache.

Mehr Druck ist noch keine Lernkultur

Und ja: Andere Länder schneiden bei PISA teilweise deutlich besser ab.

Aber auch hier lohnt ein differenzierter Blick. Nicht jedes erfolgreiche Bildungssystem ist automatisch ein Vorbild für die Art von Lernkultur, die wir uns wünschen sollten.

Mehr Leistungsdruck allein wird das Problem genauso wenig lösen wie niedrigere Anforderungen.

Mich interessiert eine andere Frage:

Wie schaffen wir eine Kultur, in der Menschen lernen wollen – statt lernen zu müssen?

Eine Kultur, in der Bildung nicht mit der Prüfung endet.

In der Fehler nicht das Gegenteil von Lernen sind, sondern ein Teil davon.

In der Weiterbildung mit 50 genauso selbstverständlich ist wie Schule mit 15.

In der Arbeitgeber nicht nur Weiterbildung „anbieten“, sondern Neugier und Entwicklung ermöglichen und Arbeitnehmer diese auch in Anspruch nehmen – ohne Diskussionen und Absagen.

Und in der Lernen anspruchsvoll sein darf, ohne sich schwer anzufühlen.

Das ist keineswegs nur eine pädagogische Wunschvorstellung. Die Forschung zur Selbstbestimmung zeigt, dass Lernumgebungen, die Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Verbundenheit unterstützen, mit höherer Motivation und stärkerem Engagement verbunden sind.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht nur darüber diskutieren, was Menschen lernen sollen. Sondern stärker darüber, unter welchen Bedingungen Menschen lernen wollen.

Weiterbildung muss Teil des Alltags werden

Genau an diesem Punkt setzt auch unsere Arbeit bei Simmeth-Training und WebiFlix an.

In der Erwachsenenbildung erleben wir immer wieder: Entscheidend ist nicht allein, welche Inhalte vermittelt werden. Entscheidend ist auch, ob Menschen Lernen als Pflicht erleben – oder als selbstverständlichen Teil ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung.

Bei Simmeth-Training wollen wir Menschen deshalb nicht einfach mit Wissen und Methoden versorgen. Wir wollen Entwicklung ermöglichen, die Menschen tatsächlich erreicht.

Und mit WebiFlix verfolgen wir einen ganz ähnlichen Gedanken: Weiterbildung sollte nicht dieses eine Seminar sein, zu dem man einmal im Jahr geschickt wird. Lernen sollte im Alltag stattfinden. Regelmäßig. Zugänglich. Relevant. Und irgendwann ganz selbstverständlich.

Wir machen Lernen zur Gewohnheit.

Vielleicht brauchen wir deshalb nach dieser PISA-Studie nicht nur eine Diskussion über Lehrpläne, Smartphones, Schulformen und Mathematikstunden.

Vielleicht brauchen wir eine viel größere gesellschaftliche Diskussion:

Welchen Wert geben wir Bildung eigentlich – wenn gerade keine Prüfung ansteht?

Denn eine Gesellschaft, die von ihren 15-Jährigen lebenslanges Lernen erwartet, sollte ihnen vor allem eines zeigen:

wie es geht.

 

 

 

Quellen und weiterführende Literatur

OECD (2026): PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students. OECD Publishing, Paris.

OECD (2026): PISA 2025 Results (Volume I): Germany – Country Note. OECD, Paris.

Statistisches Bundesamt (Destatis): Qualität der Arbeit – Weiterbildung. Daten zur Beteiligung Erwerbstätiger an beruflicher Weiterbildung, Berichtsjahr 2024.

OECD (2025): What’s missing in adult learning – and how do we fix it? Adult Skills in Focus, No. 14, OECD Publishing, Paris.

Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000): Intrinsic and Extrinsic Motivations: Classic Definitions and New Directions. Contemporary Educational Psychology, 25, 54–67.

Niemiec, C. P. & Ryan, R. M. (2009): Autonomy, competence, and relatedness in the classroom: Applying self-determination theory to educational practice. Theory and Research in Education, 7(2), 133–144.

Iris Nutz

Die gebürtige Nürnbergerin mit den südamerikanischen Wurzeln ist der kreative Wirbelwind von Simmeth-Training. Die Dipl.-Kommunikationswirtin, staatl. geprüfte Outdoortrainerin, Kinderbuchautorin und Kolumnistin arbeitet seit 2015 sie im Team von Simmeth-Training als Akademieleitung und Markenentwicklerin

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Simmeth-Training ist ECA zertifiziert und zweifacher Finalist des Europäischen Trainingspreises.

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